Über mich

Mein Bild

Müßiggang ist aller Laster Anfang. Eines meiner Laster ist Bilder machen. Früher in der Mehrzahl mit Elektronen, heute mehr mit Licht. Gerne benutze ich dazu Apparate, aber zunehmend werden diese Apparate einfacher. Da ich auch lesen und schreiben schön finde, lese ich gerne und schreibe gelegentlich auch was auf. 

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Neues von den Bahnstaren


Sie sind wieder da,



die Stare vom Bahnhof Alexanderplatz. Inzwischen haben sie die Halle zurückerobert, suchen sich Reisende, die aus Tüten essen und stellen sich vor deren Füßen auf, trällern schöne Melodien und signalisieren mit weit geöffnetem Schnabel, daß sie gerne etwas aus der großen Tüte hätten.
Die Lautsprecheranlage zur Vertreibung von Tauben und Staren, am letzten Dienstag konnte man noch ein verzerrtes Krächzen hören, ist mittlerweile völlig still geworden, dafür hört man das schrille Zirpen, mit dem sich die Stare miteinander verständigen, lautstark durch die Halle schallen. 
Interessant ist, daß die Stare offensichtlich bemerkt haben, daß bestimmte Geräusche dem Menschen besser gefallen als ihr sehr hochfrequentes Zirpen und die Menschen, wenn sie ihnen wohlgefällige Geräusche hören, spendabler sind mit den Schätzen aus ihren großen Tüten. Man kann beobachten, daß die Vögel, wenn sie vor einem potentiellen Futterspender stehen, ganz andere Töne machen, als wenn sie oben unterm Dach oder auf den Drähten sitzen und ihre Dinge besprechen. Die Töne sind dann für unsere Ohren gefälliger, sind tiefer, klangvoller, hören sich melodisch an und erinnern an Geräusche aus dem menschlichen Alltag.

Jetzt wäre die Zeit reif für Phase zwei, die Begrünung der Halle. Überall hört man inzwischen den anglisierten Modebegriff des Indoor Farmings. Auf den Dächern der Stadt wird Salat angebaut, im Weltraum sollen demnächst Tomaten gezüchtet werden, mit künstlichem Astronautenurin gedüngt, um die Wachstumsbedingungen für Mars- und Mondplantagen zu erforschen, aber die gigantischen, glasbedeckten Bahnhofshallen sind immer noch kahl. 
Es gibt so schöne Putzmaschinen, die allabendlich durch die Hallen fahren um den Vogeldreck und die Hinterlassenschaften der Reisenden zu entfernen. Aus dem Kehrricht könnte doch anstatt aus künstlichem Astronautenurin allerfeinster Dünger, unter Zuhilfenahme der unzähligen und allgegenwärtigen Bodenmikroben, Würmer und Käfer herstellen und in die Bahnhofshallenbegrünungsanlagen leiten.
Es ist doch wirklich nicht nicht notwendig, mit riesigen Raketen den endlos weiten Weg zum Mond oder noch weiter zu fliegen, nur um nur dort ein paar Menschen unter unglaublich ärmlichen Bedingungen leben zu lassen. Die gut ausgebildeten Pioniere könnten genauso gut gleich in die Bahnhofshalle am Alexanderplatz einziehen und dort unter viel besseren Bedingungen mit ihren wichtigen Forschungen zur Untersuchung der Lebensbedingungen unter naturfernen Verhältnissen beginnen.
Die Forschungsergebnisse würden in diesem Falle der Menschheit, besonders der in Berlin, großen Nutzen stiften.



Mittwoch, 3. Oktober 2018

Bahnstare



Im letzten Winter habe ich sie das erste Mal beobachtet, Stare in der Bahnhofshalle am Alexanderplatz. Als erstes war mit ihr helles Zirpen aufgefallen, das unüberhörbar die Geräuschkulisse der nicht gerade leisen Bahnhofshalle dominierte. Dann sah ich sie, die hübschen, frechen Vögel mit ihrem gepunkteten Gefieder und den spitzen Schnäbeln. Eilig trippelten sie zwischen den Füßen der Reisenden umher und sammelten die heruntergefallenen Bröckchen. Ganz offensichtlich war die Versorgung ausreichend genug, sich die lange Reise ins Winterquartier zu sparen. Satt nach Marokko, Algerien oder gar nach Ägypten zu fliegen, zogen sie es vor, den Winter in der zugigen Bahnhofshalle zu verbringen. Als der Winter vorbei war, wurde es wieder ruhiger auf dem Bahnhof, die Stare zogen auf die Felder und Wiesen mit reifem Korn und leckern Kirschen. 
Gespannt wartete ich darauf, ob das Völkchen auch in diesem Herbst wieder in die Bahnhofshalle zurück kehrte, statt sich auf die beschwerliche Reise in den Süden zu machen.
An welchem Tag genau, kann ich nicht sagen, aber es war ein Dienstag, denn Dienstags fahre ich regelmäßig mit dem Regionalzug nach Potsdam zum Malen, da hörte ich in der Bahnhofshalle das hungrige Piepsen von jungen Falken. Verwundert sah ich mich um, konnte jedoch keinen Vogel entdecken. Ein paar Tauben trippelten nervös umher, aber ansonsten war der Bahnhof vogelfrei. Einige Dienstage später war mir klar, es gibt keine Falken in der Bahnhofshalle. Das hungrige Piepsen kam aus einem Lautsprecher. Irgend ein findiger Techniker, Freund glatten Stahls und sauberen Betons hatte wohl die Idee, auf diese Weise die Vögel aus der Halle zu vertreiben.
Traurig für die Stare und traurig für die Menschen. 
Wie schön wäre es, wenn die Ingenieure ihre Kunst verwenden würden, einen Schienenstrang zu entwickeln, der nicht gleich einem scharfen Messer alles lebendige auf seinem Weg zerschneidet und wenn sie Hallen bauen würden, die nicht nur Reisende vor Regen und Sturm bewahren, sondern auch andere Gäste beherbergen können, die Schutz unter dem großen Dach suchen und zum Dank die Reisenden mit Farben, Gesang und Geselligkeit erfreuen. 
Zwischen den Schienen könnten Gräser und Mose gedeihen, Bäume und Büsche könnten die Schienen begleiten und hoch hinauf unter das gewaltige Hallendach könnten Efeu, Wilder Wein und Blauregen um die Wette die stählernen Träger umwuchern. Exotische Blüten und Flechten könnten vom Dach herunter baumeln und mit ihrem Nektar Schmetterlinge und bunte Vögel anlocken. Es wäre Platz für Singvögel und Räuber gleichermaßen und vielleicht ja auch für ein Falkenpärchen, das unterm Hallendach seine Jungen aufzieht.
Zwischen den Gleisen könnten Gaukler, Händler und Musikanten auf dem weichen Moos sitzen und mit ihren Kunststückchen ein paar Münzen von den Reisenden verdienen und wer kein Bett für die Nacht hat, findet ja vielleicht ein Plätzchen im Trockenen unter dem Hallendach, das er sich mit ein bisschen Gärtnerarbeit verdient.
Heute sind die Stare zurück, nur ein paar, vielleicht die Vorhut, aber unüberhörbar und auch gleich wieder erfolgreich auf Futtersuche. 
Ihr heller, zirpender Gesang hat mich an den gerade vorgestern vergebenen Nobelpreis für Physik erinnert. Da ging es um Laserphysik, mit der man winzige Objekte hantieren oder unblutig operierend und präzise die Sehkraft des Auges verbessern kann. Das Geheimnis ist ein Zirpen, mit dem man das Licht des Lasers moduliert und so für einen extrem kurzen Moment mit extrem großer Leistung erstrahlen läßt.
Zirpen scheint sowieso im Moment sehr beliebt zu sein, so erforschen unserer Mobiltelefone mit einer Art akustischem Echolot ihre Umgebung, in dem sie leise und für uns unhörbar zirpen. 

Was die Stare bewirken, während sie zwitschernd und zirpend durch Wald und Flur oder durch die Bahnhofshalle am Potsdamer Platz ziehen, werden wir wohl niemals erfahren, zumindest nicht, ohne sie sorgfältig und respektvoll zu beobachten und liebevoll für sie zu sorgen.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Erdschädlinge

Neulich hörte ich im Radio einen Beitrag über die Klimageschichte der Erde, in dem darüber berichtet wurde, daß, seitdem Leben auf der Erde existiert, die Temperatur trotz sich ändernder Energiezufuhr durch die Sonne erstaunlich konstant geblieben ist. 
Erstaunlich, das bedeutet, es versetzt den Wissenschaftler in erstaunen, eine Erklärung steht jedoch noch aus.  Ich darf also ein bisschen spekulieren.
Vielleicht gibt es da etwas, von dem wir nicht wissen was es ist, was es will und ob es überhaupt ist, das unseren Planeten dazu anhält, lebensfreundlich zu sein, sprich, auf seiner Oberfläche und in den Tiefen seiner Meere ein Klima aufrecht zu erhalten, das dem Leben freundlich gesonnen ist. 
Ein schöner Gedanke? 
Vielleicht.
Mir gehen Pioniergeschichten durch den Kopf, 
die Besiedlung Amerikas mit der damit einhergehenden Vernichtung der Kultur des Kontinents und 
Steven Hawkins, der sagt, die Menschheit muß bald aufbrechen, zu neuen Planeten.
Terraforming - ein Irrsinn, wenn man bedenkt, daß wir einen wohlgeformten Planeten verlassen wollen, weil wir ihn nicht erhalten können.
Terraforming stelle ich mir so vor:
eine Maschine aufstellen, die ein lebensfreundliches Klima entstehen läßt. Ein paarhunderttausend Jahre warten und dann nachgucken, ob es geklappt hat.
Bei einer Tasse Kaffee und einem leckeren Kuchenteilchen und Blick aus dem Fenster hinaus auf das Leben in dem lebensfreundlichen Stadtbiotop aus Pflastersteinen und Auspuffrohren frage ich mich, wie das wohl gehen kann mit dem Terraforming, mit dem Schaffen einer lebensfreundlichen Umgebung, in der Palmen wachsen, Moose, Tiere; Wesen, die leben. 
Leben wir auf einem Planeten, auf dem irgendwann einmal eine Maschine aufgestellt worden ist, mit der Aufgabe, stabile, lebensfreundliche Bedingungen zu schaffen? 
Wenn ich diesem Gedanken folge, stellt sich mir rasch die nächste Frage: Ist die Maschine für uns Menschen auf diesem Planeten aufgestellt worden, oder dient alles Leben auf diesem Planeten  lediglich dem Prozess, für den die Maschine aufgestellt wurde, den Planeten lebensfreundlich zu gestalten. 
Ist die Maschine für die Menschen gemacht und wir spielen aus Dummheit unseren schönen Planeten kaputt, so könnten wir vielleicht eine Nachricht an die Erbauer schicken, mit der Bitte, uns zu helfen, weil wir allein zu dämlich sind, auf diesem Planeten zu leben.
Im anderen Fall, wenn die Erde, das Klima, die Kreaturen, die auf dem Land, im Wasser und in der Luft existieren, weil der Terraformingapparat seine Aufgabe in fremdem Auftrag erfüllt, in diesem Fall frage ich mich: was hätten wir Menschen gemacht, hätten wir Terraformingmaschinen im Weltall verteilt, um irgenwann einmal in ferner Zukunft uns einen besonders gelungenen Planeten auszusuchen und diesen zu besiedeln? Wie hätten wir die Maschine konstruiert und wie hätten wir dafür gesorgt, daß unser Jahrmillonen oder Jahrtausende dauerndes Projekt nicht durch Schädlinge oder Unkraut gefährdet wird?
Wir hätten bestimmt einen Vorrat an Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel eingeplant und wit hätten einen Überwachungsmechanismus, der eine Gefährdung unseres Projektes rechzeitig bemerkt und Mittelchen ausbringt, die den Schädlingen den Garaus machen.

Wir sind noch da, der Sensor hätte längst angesprungen sein müssen, die Maschine gibt es wohl nicht. Folglich können wir wohl auch nicht um Hilfe bitten, wir sind allein verantwortlich dafür, daß das Leben immer schneller von diesem Planeten verschwindet, wir sind zu dusselig, auf der Erde zu leben. Schade um den schönen Planeten. Ich kenne keinen anderen, aber ich denke, es war der schönste, hätte der schönste werden können.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Berlin

Neulich fand ich eine Feder, aus Stahl,
von der Firma Heinze & Blanckertz, No.1191 EF.

Ein filigranes Werk aus grauem Stahl, einer feinen Spitze, raffiniert gerillt und mit einer Faltung zur Bevorratung eines Tintentropfens.
Die Berliner Fabrikationshallen der Firma Heinze & Blanckertz in Oranienburg wurden, so kann man in Wikipedia nachlesen, 1945 zerstört und die Reste von der Roten Armee demontiert. Der graue Stahl wird eben nicht nur zur feinen Zeichnung mit Tinte auf Papier genutzt, mit seiner Hilfe wurde und wird immer noch aufs heftigste radiert.
Um meinen und Euern Fokus weg von der zerstörerischen und hin zur kreativen Nutzung des Eisens zu lenken, habe ich, in meinen Adern fließt auch ein Tröpfchen Tinte, die Feder in den Halter gespannt und ein paar Zeilen aus Brechts Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" zitiert.
Berlin eben, damals, so wie heute.
Es macht immer Sinn, einen feinen Stahl zu nutzen.




Montag, 26. Dezember 2016

Fortschritt

Im letzten Jahr hat es viele große Einschnitte in meinem Familienleben gegeben. Inzwischen ist der Alltag zurück gekehrt und auch die Muße ist wieder da. Die Pause ist zu Ende, es kann weiter getrödelt werden. Flanieren, besonnenes Schreiten wäre die treffendere, aber weniger provozierende Formulierung. Ich habe es nie ausstehen können, mit unangemessener Hektik in eine Richtung zu laufen, ohne vorher verstanden zu haben, wohin der Weg führt und was genau eigentlich mein Ziel ist. Deshalb liebe und genieße ich es jetzt, erst zu denken und dann zu schreiten um dem seltsamen Wort Fortschritt einen Sinn zu geben. 
Da ich sehr großen Wert darauf lege, das, was mir besonders viel Freude bereitet, zu teilen, geht es nun weiter mit Michels Lichtbildern und gelegentlichen Geschichten. 
Ich will damit anfangen, den Apparat, mit dem ich meine Bildersuche in der kleinen Welt betreibe, das Mikroskop, vorzustellen. Auch die Entstehung der Bilder will ich so beschreiben, daß sowohl die Motivation, als auch die Methode nachvollziehbar werden. 
Lange habe ich gezögert, mit welchem meiner beiden Zeisse ich auf die Reise in die Mikrowelt gehen möchte. Eins aus dem Westen, eins aus dem Osten, das eine, das aus dem Westen, mechanisch perfekt, das andere optisch super ausgerüstet, aber in der Handhabung gewöhnungsbedürftig. Da ich keinen Grund habe, irgend etwas zu überstürzen, hat die umfangreiche Optik des Zeiss aus Jena gewonnen. An gewöhnungsbedürftige Mechanik werde ich mich gewöhnen.
Amplival haben die Jenaer Zeissianer stolz die Serie genannt, futuristische Linienführung, modularer Aufbau, Unendlichoptik und damit seiner Zeit - etwas zu schnell für meinen Geschmack, weil nicht mit der nötigen Sorgfalt zu Ende gedacht - weit voraus.
Wenn ich all die kleinen Mechaniken wieder beweglich gemacht und justiert habe und den Fokustrieb für Belichtungsserien mit unterschiedlichen Fokusebenen vom Rechner aus steuern kann, werde ich die Möglichkeit haben, im Auf- und im Durchlicht durch meine Mikrowelten zu reisen und schöne Bilder nachhause zu bringen. 
Das Amplival aus Jena
Aber auch schon jetzt, mitten in der Bauphase, entstehen immer wieder schon Bilder, wenn ein Lichtstrahl durch die noch nicht vollständig geputzten Linsen fällt. Einige Bilder sind schon jetzt im Blog zu sehen und gerade in den letzten Wochen bin ich wieder ein Stückchen weiter gekommen. Mit viel Gefummel habe ich die Beleuchtung so justieren können, daß sie den Forderungen genügen, die A. Köhler 1893 in seinem Aufsatz über "Ein neues Beleuchtungsverfahren für mikrophotographische Zwecke" beschrieben hat. 
Noch geht die Justage nicht mit der Leichtigkeit vonstatten, die ich eigentlich erwarten würde, aber das Licht ist gut genug für die nächsten Bilder.
Ein beliebtes Thema, gerade für mein Amplival, das für Untersuchungen im polarisierten Licht spezialisiert ist, sind Kristalle. Die Geometrie der Strukturen kristalliner Stoffe ist sehr reizvoll und von unendlicher Vielfalt, die Farben, entstanden durch Interferenzerscheinungen und somit gerne ein bisschen bunt, sind für mich als Bildfarben doch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Hier zeigt sich dann auch schnell der Nachteil meines Beleuchtungssystems mit weißen Leuchtdioden anstelle der im Original verwendeten Halogenbirnchen. Die Leuchtdioden haben dan Vorteil, daß sie wesentlich weniger Wärme abgeben und bei jeder Helligkeit nahezu im gleichen Farbspektrum leuchten. Der Preis hierfür ist ein Farbspektrum, das sich von dem der Sonne je nach Bauart der Leuchtdiode mehr oder weniger stark unterscheidet. An dieser Stelle wartet noch ein gutes Maß an Arbeit auf mich. 
Für die Präparation der Proben brauchte es nicht mehr, als ein Teelicht und ein paar Zahnstocher, eine Wäscheklammer und ein Taschenmesser. 
Für das Koffeinpräparat habe ich von einer rohen Kaffeebohne mit meinem Taschenmesser ein Scheibchen, ein möglichst dünnes, abgeschnitten, auf einen Objektträger gelegt, mit einem Zahnstocher als Abstandhalter einen zweiten Objektträger darüber platziert, einen Tropfen Wasser zur Kühlung über dem Kaffeebohnenscheibchen auf den oberen Objektträger geträufelt und das ganze Gebilde vorsichtig über einem Teelicht erhitzt. Das Kaffeebohnenscheibchen wurde braun, unter dem Wassertropfen bildete sich ein grauer Niederschlag und der heiß gewordene Objektträger zersprang mit einem leisen Knack. Ein paar Scherben fielen ins Teelicht und löschten die Flamme, bevor sie den feinen, grauen Niederschlag an der wassergekühlten Stelle des oberen Objektträgers versengen konnte und fertig war mein Koffeinsublimationspräparat. 
Koffein
Im Mikroskop entpuppte sich der graue Niederschlag dann erwartungsgemäß als feine, nadelförmige Kristalle, die kreuz und quer in schrill bunten Farben schillernd aus dem Rauch meines erhitzten Kaffeebohnenscheibchens gewachsen waren.

Aber es gibt natürlich im Haushalt, auch in meinem,wesentlich mehr interessante und selten gesehene Universen zu erforschen, als das isolierte Alkaloid meines Lieblingsgetränkes. Insbesondere in Berlin setzen sich Wasserhähne, Teekessel und Brauseköpfe besonders schnell mit einer dicken Schicht Kalk zu. Die Waschmaschinenindustrie freut´s und auch die Firma Heitmann, die Zitronensäure zum Entkalken in kleinen Schächtelchen verkauft. Die Zitronensäure hat einen Schmelzpunkt von 153 °C. Ein kleines Körnchen zwischen Objektträger und Deckglas läßt sich über besagtem Teelicht wunderbar aufschmelzen und erstarrt beim Abkühlen so langsam, daß noch Tage nach Beginn des Experiments neue Strukturen unter dem Mikroskop zu entdecken sind. Da die Kristalle so schön langsam wachsen, werden sie ziemlich groß, beinahe zu groß für mikroskopische Beobachtung und sind daher schon mit bloßem Auge erkennbar. 
Ein noch ganz junger Kristall in geschmolzener Zitronensäure
Immer noch Zitronensäure, aber ein paar Tage später.



Samstag, 9. April 2016

Bewegung

Man sagt, Laozi habe gesagt, alles fließt.
Das war so 600 Jahre vor Christus, um diese Zeit hat Heraklit, so sagt man, sein berühmtes Panta rhei (alles fließt) ausgesprochen. Ob die beiden Denker gemeinsam gedacht haben?
Oder ist es so, daß ein Gedanke, wenn es so weit ist, platzt, wie eine reife Frucht und seine Samen in der Welt verstreut?
Konsequenterweise sollten wir dann eher davon ausgehen, daß es uns denkt, als daß wir denken. Auch kein neuer Gedanke, aber so tief wollte ich auch garnicht schürfen, eigentlich wollte ich nur feststellen, daß sich, so scheint es mir, irgend etwas gelöst hat.
Bei mir hat es damit angefangen, daß ich meine Wohnung in Pankow gekündigt habe, um mit Hanna zusammen in den Prenzlauer Berg zu ziehen. Macht man eigentlich immer in der umgekehrten Richtung, man zieht vom Prenzlauer Berg nach Pankow. Aber was kümmert mich , was man so macht, ich find's schön, so rum.
Aber irgendwie habe ich inzwischen das Gefühl, die halbe Welt hat sich mehr oder weniger freiwillig auf die Socken gemacht und sucht ein neues Zuhause, aus den verschiedensten Gründen und durchaus nicht immer so locker, wie ich mich bewegt habe.
Ich für meinen Teil, davon wollte ich eigentlich berichten, bin erstmal angekommen.

In lockerer Reihenfolge kommen nun ein paar Bilder: gezeichnete, gemalte und fotografierte, Erinnertes und Aufgearbeitetes aus Venedig, Kartonstapel und zu guter Letzt noch eine neue Arbeit zum Thema Kneipenblumen.

Viel Spaß damit.

Die Kartons waren alle voll!


Venedig1



Venedig2

Venedig3

Venedig4


Kneipenblumen2
Und damit bin ich nun endlich angekommen, in der neuen Wohnung mit den wenigen Wänden. Warum gibt es eigentlich keine Zimmer mit 12 Wänden?
Keine Ahnung, wo ich nun all meine Bilder hin hängen soll!
Also, wenn eine oder einer von Euch da draußen die eine oder andere kahle Stelle an der Wand entdeckt, ich hätte da bestimmt ein Bild, das da hängen könnte.

Samstag, 2. Januar 2016

2016




Neulich habe ich im Radio einen guten Gedanken aufgenommen, den ich ein bisschen verfolgen möchte. Es ging um das Thema Wiederholung. Ein Beitrag der Sendung ging von der Beobachtung aus, dass Wiederholung ein Ausdruck von Lebendigem ist. 

Das gefällt mir,
unser Herz schlägt in ständiger, gleichmäßiger Wiederholung, wir atmen ebenso, lieben uns, schlafen, wachen und, und, und; während andererseits die unbelebte Welt sich mit regelmäßigen Wiederholungen eher schwer tut. Ich denke da an die Probleme, die es zum Beispiel der Bahn macht, jeden Tag zur gleichen Zeit an einem bestimmten Ort zu erscheinen.

Es ist nun aber nicht nur so, dass Lebendiges rhythmisch handelt, Lebendiges liebt auch den Rhythmus, empfindet Ereignisse als angenehm, die sich in einer, einem bestimmten Muster folgenden Wiederholung ereignen und es ist ein Ausdruck gegenseitiger Sympathie, sich nach diesem Muster im Gleichklang zu bewegen. 

Dabei ist dieses Bemühen um Gleichklang durchaus nicht immer ein bewußtes Handeln. So kann man, sieht man genau hin, zwischen Liebenden oder Eltern und Kindern beobachten, dass sie in ihrem Atemrhythmus im Schlaf einander anpassen. Vielleicht schlagen ja auch die Herzen im gleichen Rhythmus. Eine Frage, der sich ja vielleicht einmal ein Medizinstudent widmet, vorausgesetzt er ist neugierig genug. Noch weiter ins Reich der neugierigen Spekulation vorwagend, frage ich mich, ob auch der feine Rhythmus der Pflanzenwelt Einfluß auf den Menschen nehmen kann. 

Sicher ist, wir erfreuen uns an der Rhythmik des Universums und dem verläßlichen Lauf der Gestirne und passen unser Leben diesem Rhythmus gerne an. 
Uns selbst beobachtend, entdecken wir unseren Biorhythmus und bemerken, dass es uns gut geht, wenn wir ihm folgen.

Nicht zu vergessen die Musik, die es wahrscheinlich ohne Rhythmus garnicht gäbe. 
Wie schön empfinden wir es, Klängen zu lauschen, die mit unserem Herzen, Gehirnwellen oder Atemzügen im Gleichtakt schwingen! Dann beginnen wir zu tanzen, mit dem Körper, dem Herzen und unseren Gedanken.


In diesem Sinne wünsche ich Euch viel Vergnügen bei all den schönen, rhythmisch verlaufenden Dingen, denen, die man gemeinsam betreibt, so wie auch den im Stillen stattfindenden.

Donnerstag, 26. November 2015

Venedig

Es wäre vermessen, nach den wenigen Tagen, die ich in der Stadt gewesen bin, etwas über Venedig schreiben zu wollen, das nicht schon lange vor mir und aus jedem erdenklichen Blickwinkel zu Papier gebracht wurde. Also lasse ich es und schreibe etwas über mich, nach fünf Tagen in Venedig. 
Vor Beginn der Reise habe ich gelesen, über Venedig und über das Leben, die Geschichte, die Kunst, die Architektur, in der neuen und in der alten Zeit, habe in Bildbänden geblättert und mich durchs Internet geklickt, bin ich in den Flieger gestiegen und anderthalb Stunden später wieder gelandet, in den Bus gestiegen und eine halbe Stunde später wieder raus und dann war ich in Venedig. 
Unser Hotel lag unweit vom Busbahnhof, direkt am Canale di Cannaregio, nur eine viertel Stunde Fußweg entfernt vom Piazzale Roma. Zuhause hatte ich so oft den Weg auf dem Stadtplan und in Google Maps studiert, daß ich das Gefühl hatte, mittlerweile jeden Pflasterstein auf dem Weg zum Hotel zu kennen. Dieses Gefühl des Vertrauten hat mich in der ja eigentlich fremden Stadt auch nie wieder verlassen. Die warmen Farben der Häuser, die sich in den ständig wechselnden Blautönen des Wassers spiegeln, die Geräusche von Schiffen, Menschen und Vögeln, der Geruch nach Wasser, ein bisschen muffig, ein bisschen meerig und die daraus entstehende Mischung aus Meer und Stadt hat in mir von der ersten Sekunde an ein Gefühl des Zuhauseseins erzeugt, das so selbstverständlich war, dass ich es erst wahrgenommen habe, als es, zurück in Berlin, wieder verschwunden war, eben so unvermittelt, wie es mich vom ersten Moment an in Venedig überkommen hatte.
Ich liebe das Leben in der Stadt und ich würde gerne in einem Haus am Meer wohnen. Wo, wenn nicht in Venedig, ließen sich diese Wünsche in idealer Weise zusammenbringen. 
Natürlich habe ich nicht nur Kaffee getrunken und am Kanal in der Sonne gesessen, sondern habe auch Bilder gemacht, wohl wissend, dass es wahrscheinlich in der ganzen Stadt keinen Stein und kein Stückchen Kanal gibt, das nicht hundertfach fotografiert, digitalisiert, gezeichnet, gemalt und fotokopiert worden ist. 
Aber der Moment, jeder Moment ist einzigartig und der Faszination, einen winzigen Bruchteil dieses von mir erlebten Momentes einzufrieren und mit nach Hause zu nehmen, konnte und wollte ich mich nicht entziehen. 
So war es dann auch ein einzigartiges Vergnügen, auf dem Fondamento, vor meinem bald gefundenen Lieblingscafé sitzen den Palazzo auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals zu zeichnen. Drei Tage lang habe ich morgens nach dem ersten Cappuccino dort in der Morgensonne gesessen, die Schiffe beobachtet, den Möven zugehört und liebevoll die kleinen Fenster des in Würde gealterten Gebäudes mit weichem Bleistift auf Papier gebracht.
Im Gegensatz zur fotografischen Fixierung des Momentes gibt mir die Arbeit mit Stift und Papier die Gelegenheit, genau zu beobachten. Die Anordnung der Fenster und Türen, die Verzierungen, Proportionen und auch die Spuren und Schrunden der Jahrhunderte werden sichtbar. Zu dem Moment des Daseins gesellen sich Schatten der vergangenen Zeit und ein Bild entsteht, das nicht den Augenblick, sondern die Zeit in ihrem Fluss erleben läßt.

"Mein" Palazzo Cendon








Palazzo Cendon, erbaut 1437

Sonntag, 27. September 2015

Skizzen

Als neulich einsetzender Nieselregen mich ins Shoppingcenter trieb, habe ich ein wunderbares Buch entdeckt:
Jens Hübner, Ein Jahr Urban Sketching.
Bis dahin kannte ich das Wort Urban Sktetching nicht einmal, und Jens Hübner wohnt auch noch in Pankow, nur zwei Straßen weiter.
Genug, um bei mir einen ordentlichen Motivationsschub auszulösen.
Gestern Abend habe ich also mein Skizzenbuch geschnappt und das, was ich in den letzten Monaten geschafft habe ins Digitale übertragen.
Viel Spaß damit!

Rote Bete, Aquarellstift

Dill, Aquarellstift

Dill und Rote Bete, Bleistift



Wolfgangs Garten










Laube in Wolfgangs Garten

Landschaft aus Leonardo da Vinci, Santa Anna

Mittwoch, 2. September 2015

Vom Wesersandstein

Alter Matsch

Es ist Sommer, ich sitze auf einer felsigen Anhöhe im Sollinggebirge und blicke hinab in das Wesertal. Vor unglaublich langer Zeit zog ein hier gewaltiger Strom vorbei, von irgendwo kommend und nach irgendwo fließend und bildete just hier, mir zu Füßen, eine Senke, vielleicht auch einen Strudel, in dem sich riesige Mengen feinen, gleichmäßig gekörnten, roten Sandes sammelten.
Der Sand füllte die Senke mit der Zeit und bildete eine mehrere hundert Meter dicke, homogene Schicht. In den matschigen Tümpeln an der Oberfläche siedelte sich allerhand Gewürm an. Dinosaurier hinterließen ihre Fußspuren, während sie nach den fetten Würmern gruben und die Zeit verging.
Das Klima schwankte, die Dinosaurier starben aus und sicherlich auch viel von dem im Matsch lebenden Gewürm. Der Matsch blieb und auch der viele rote Sand. Der Strom strömte mit veränderter Geschwindigkeit, änderte gelegentlich seinen Lauf und auf dem roten Sand und den Matschlöchern und den Fußspuren der Dinosaurier lagerten sich tausend Meter von irgend etwas ab, das weiter stromaufwärts zuvor davongespült worden war.
Im Laufe der nun folgenden zweihundert Millionen Jahre änderte der Strom hin und wieder sein Strömen und spülte dabei die tausend Meter des abgelagerten Sedimentes wieder weg. Der rote Sand und auch die Matschlöcher waren unter dem gewaltigen Druck der dicken Sedimentschicht inzwischen zu Stein verdichtet.
Das Gewässer, mittlerweile zu dem geworden, was wir jetzt als Weser kennen, begann nun, sein Flußbett in den harten Stein zu schneiden.
Zwischen Würgassen, wo die Ruine des ersten deutschen Kernkraftwerkes düster drohend hinter dem kleinen Dörfchen aufragt und Bad Karlshafen, dem kleinen Städchen mit den schönen Häusern, den vielen Schulden und den wenigen Arbeitsplätzen, findet man rechts und links der Weser an den Hängen ein paar Steinbrüche, in denen fleißige Portugiesen arbeiten.
Einige der Steinbrüche sind inzwischen wieder aufgegeben, aus den anderen brechen die portugiesischen Arbeiter den roten Wesersandstein und verkaufen die Brocken an Steinmetze, die den Stein zur Restaurierung alter Figuren und für Simse und Treppenstufen an historischen Gebäuden nutzen, oder an Amerikaner, die auch gerne alte, historische Gebäude hätten. In einem der aufgegebenen Steinbrüche oben im Solling muß man vor langer Zeit auf eines der versteinerten Matschlöcher gestoßen sein. Der zu Stein gewordene Matsch mit den vor rund zweihundert Millionen Jahren von irgendwelchen längst vergangenen Lebewesen gebildeten Gängen und Furchen ist für Steinmetze oder zum Bau von Treppenstufen nicht zu gebrauchen und ist so wohl von einem der Arbeiter achtlos beiseite geworfen worden.
Der Steinbruch wurde bald wieder geschlossen, in Deutschland wütete der zweite Weltkrieg, und die Anhöhe über dem Steinbruch wurde Sohnreyhöhe genannt. Der Krieg ging zu Ende, der gute Ruf des Heinrich Sohnrey ebenfalls, aber die Sohnreyhöhe heißt, wohl, weil sie so unbedeutend ist, weiterhin Sohnreyhöhe.
Ich gehe gern dort hin, man findet im Herbst manchmal Steinpilze und als Kinder haben wir in dem verlassenen Steinbruch Feuer angezündet und Stockbrot gebraten.
Heute bin ich über einen Stein gestolpert und als ich ihn umdrehte, sah ich Löcher und Gänge und ich konnte mir vorstellen, wie Gewürm vor zweihundert Millionen Jahren, als der Stein noch ein Matschloch war, die Strukturen in den weichen Schlamm gegraben hat.
Ich habe mich oft, wenn ich die mächtigen roten Felsen an den Weserhängen sah, gefragt, ob es nicht Spuren in dem Sand geben würde. Irgend ein Stückchen von einer Pflanze oder einem Tier, eine Fußspur, eine Kralle oder einen Zahn. Nie bin ich bis heute fündig geworden, obwohl ich so manchen Stein umgedreht oder sogar gespalten habe, auf der Suche nach etwas, das geblieben ist, während die Zeit verging.
Schnell stand deshalb der Entschluss fest: Ich werde diesen Stein mit nach Hause nehmen, nach Berlin. Ich werde ihn waschen und auf die Fensterbank neben dem Frühstückstisch stellen. Wenn ich dann am Tisch sitze, werde ich mir die Löcher und Furchen ansehen und mir vorstellen, wie irgendwelche, längst ausgestorbene Tiere sich durch den Schlamm wühlen, auf der Suche nach inzwischen wahrscheinlich ebenfalls ausgestorbenem Fressbaren und verfolgt von größeren, auch nicht mehr existierenden Kreaturen mit langen Krallen und Zähnen, die man anderenorts manchmal als Versteinerungen finden kann.
Für das zu Stein gewordene Matschloch wird nun ein weiterer Abschnitt in seiner unvorstellbar langen Geschichte beginnen, an einem anderen Ort und in anderer Gesellschaft.
Ich habe gehört, daß bald wieder ein Klimawandel ansteht. Die Zeiten werden sich wieder ändern, Ströme werden anschwellen oder versiegen, vielleicht sogar neue Gebirge entstehen. Das Matschloch, mittlerweile zu einem harten Steinbrocken geworden, kann einiges aushalten.